Jung, brutal, gutaussehend – die deutschen Freikorps
Eine Buchrezension zu Dominique Venners »Söldner ohne Sold«.
Erstmals 1974 im Französischen unter dem schlecht gewählten Titel »Baltikum« erschienen, gab es mehrere deutsche Veröffentlichungen, die sich einen Wettkampf um den häßlichsten Buchdeckel geleistet haben. Der Arndt-Verlag durfte sich hierbei 1989 als Sieger krönen und verlegte das womöglich entstellteste Buch, das Deutschland jemals zu Augen bekommen hat. Als wäre das Erscheinungsbild, dem Reiseführer einer Provinzstadt gleichend, nicht schon schlimm genug, wurde auch noch der Name des Autors falsch geschrieben. 2024 haben wir nun endlich vom Jungeuropa Verlag eine würdige Gestaltung erhalten, die dem Inhalt und Autor gerecht wird. Das Cover zeigt ein Plakat Hans Drinnebergs aus dem Jahre 1919, das die Deutschen zum Kampf gegen den Bolschewismus und zur Verteidigung der Grenzen des Vaterlandes aufruft. Zugleich ist es eine Hommage an die Arndt-Ausgabe von 1984. Im Vor- und Nachsatz sind detaillierte Teilkarten Berlins und Münchens zu sehen, die Kampfeshandlungen der Freikorps der Jahre 1918 und 1919 darstellen. Ansonsten ist alles in gewohnter Jungeuropa-Manier – durchdachtes Layout und sauberer Satzspiegel (schön zu sehen, wie sie sich seit den Unzulänglichen konstant verbessert haben); einzig die serifenlose Schriftart war zu Beginn ungewohnt. Aber Ecken und Kanten hatten die deutschen Freikorpskämpfer wohl genug, um an den Buchstaben darauf verzichten zu können.
Dominique Venner nimmt den Leser auf eine Reise von der Nord- und Ostsee nach München, von der Ruhr nach Riga, von Berlin nach Oberschlesien und durch die Anfangsjahre der Weimarer Republik mit. Er stellt die Wirren und das Chaos der Nachkriegszeit lebhaft dar und bringt durch die zahlreichen Orts- und Handlungswechsel das Ringen um die Grenzen und den schicksalshaften Kampf um die Hoheit der Nation eindrucksstark zur Geltung. Am chronologischen Faden entlang, der sich wie das himmelblaue Lesebändchen durch das Buch zieht, erfährt man von den revolutionären Bestrebungen verschiedener Richtungen, ausländischer Einflußversuche, militärischer Resignation und Hoffnung, niedergeschlagenen Putschversuchen, Ordnungsstreben und Verrat durch die Politik, Mord und Totschlag, rauen Landsknechten und ziellosen Frontsoldaten, dem Drang gen Osten und dem eisernen Willen. Venner schreibt nicht über die Geschichte der Freikorps, sondern erzählt sie. Er erzählt sie so lebendig, daß man beinahe das Gefühl bekommt, dabei gewesen zu sein – nein, als ob er dabei gewesen sei. Als würde er nicht jedes Wort mit Tinte auf Papier schreiben, sondern Buchstabe um Buchstabe in den verhaßten Leib der Republik schießen. Man kann förmlich spüren, wie Venner beinahe rauschartig sein rebellisches Herz der Freikorps-Droge entgegenwirft und wehmütig in seinen Träumen und Wünschen versinkt, mit von der Goltz auf Riga zu marschieren oder mit Schlageter Ruhrbrücken zu sprengen. Es ist dieser besondere Schreibstil, diese sehnsüchtige Note, der das Buch zu der Faszination macht, die es auf mich ausstrahlt. Das Buch mutet weniger wie ein historischer Delbrück, sondern mehr wie ein Mitglied der roten Reihe der Quellentexte zur Konservativen Revolution an. Wer auf der Suche nach einer langweiligen Abfolge von Daten ist, der sollte sich ein anderes Buch aussuchen, um seinen Horizont zum Thema Freikorps zu erweitern. Venner verläßt sicherlich zwischendurch gerne mal die Straße der Fakten, um auf irgendwelchen laubbedeckten Feldwegen romanartige Dialoge einzufügen, die unmöglich in dieser Form exakt zitiert sein können. Das Buch ist wie ein schmackhafter Eintopf, der aus den vielen Zutaten der Weimarer Republik und dessen Chaos doch zu der gewünschten Einheit findet, um Genuß zu bieten. Durch die detailreiche und strukturierte Inhaltsangabe dient es außerdem als solides Nachschlagwerk zu einzelnen Handlungen der Jahre 1918 bis 1923 und faßt zum Schluß, in Form von Kurzbiographien, die wichtigsten Personen der Freikorps zusammen.
Die Rolle der Freikorps
Wie ist nun die Rolle der Freikorps anhand Venners Ausführungen zu bewerten? Und welche Parallelen lassen sich im Vergleich zur heutigen Zeit ziehen? Innerhalb unseres (rechten) Lagers dürfte größtenteils der Konsens herrschen, daß die Freikorpskämpfer Helden waren, die das Vaterland vor äußeren und inneren Feinden geschützt und verteidigt haben. Es gibt allerdings auch konträre Meinungen, die sie als verbrecherische Mörder und unruhestiftende Paramilitärs bezeichnen würden. Der langweilige JF-Leser käme womöglich zu dem Schluß, daß es sich bei den Freikorps um orchesterartige Handlanger politischer Dirigenten handelte, die als nützliche Puppen der Weimarer Republik dienten.
Meiner Meinung nach waren sie weder Reaktionäre oder Zurückgebliebene noch Visionäre oder fern in die Zukunft Schauende – die Freikorpskämpfer waren Männer ihrer Zeit; sie waren Ausdruck deutscher Ambivalenz von Traum und Tat; sie waren der Aufbruch aus der alten Ordnung. Um Venner aus einem anderen Buch zu zitieren: »Ich bin aus dem Land, in dem man das tut, was man tun muß, weil man es sich selbst schuldig ist. Deshalb bin ich ein rebellisches Herz. Rebellisch aus Treue.« Wo uns heutzutage oftmals der Wille oder die Konsequenz fehlt, waren sie der Nährboden des Freikorpsgeistes und befeuerten, ja belebten und beseelten ihn.
Wer mehr über die Freikorps herausfinden und sich eine eigene Meinung bilden will, dem empfehle ich wärmstens Dominique Venners Söldner ohne Sold.
Mehrmals ertappte ich mich beim Lesen dabei, wie ich mir auf den Schenkel schlug und voller Faszination, grinsend, ein »Diese Teufelskerle!« ausstieß. Teufelskerle… das waren sie!